- Biotech lag rund 14 Jahre klar vor Halbleitern und Gesamtmarkt – seit 2020 ist der Sektor deutlich zurückgefallen, holt seit dem Frühjahr 2025 aber spürbar auf
- Strukturelle Treiber intakt: KI-Effizienz in der Forschung, anziehende M&A-Aktivität, regulatorischer Rückenwind
- Zentrale Unsicherheitsfaktoren bleiben: Zinsen, klinische Rückschläge und die neuen Pharmazölle
14 Jahre Outperformance von Biotech gegenüber Halbleitern. Wer nur die vergangenen gut sechs Jahre betrachtet, in denen Halbleiter dem Biotech-Sektor deutlich enteilt sind, wird das zunächst kaum glauben. Doch zwischen der Auflage des viel beachteten Biotech-Index XBI und dem Beginn der Corona-Pandemie lief der Sektor mit rund 15,5 % p.a. deutlich besser als Halbleiter (11,5 % p.a.) und der breite Markt (S&P 500 gleichgewichtet: 9,6 % p.a.). Seit Pandemiebeginn hat sich das Bild komplett gedreht: Halbleiter legten seither, zuletzt befeuert vom KI-Boom, um 32,3 % p.a. zu, Biotech nur noch um 7,4 % p.a. – und liegt damit sogar unter dem gleichgewichteten Gesamtmarkt (11,1 % p.a.). Über weite Strecken dieser Phase entwickelte sich der Sektor eher wie der behäbige Pharmasektor. Die Gründe dafür waren allerdings vor allem zyklischer Natur, während die strukturellen Treiber intakt blieben und durch KI sogar an Gewicht gewinnen. Seit dem Frühjahr 2025 holt Biotech spürbar auf, und vieles spricht dafür, dass der Sektor künftig wieder eine prominentere Rolle spielen könnte.
KI, M&A, Regulierung: drei strukturelle Treiber
Erstens – und womöglich am wichtigsten – dürfte der Sektor von künstlicher Intelligenz profitieren. Was Halbleiter in den vergangenen Jahren als Hardware-Lieferanten der KI-Welle vorgemacht haben, könnte sich für Biotech über steigende Forschungseffizienz fortsetzen. Große Technologiekonzerne treiben die Grundlagenforschung voran, etwa Alphabet mit AlphaFold und seiner Wirkstofftochter Isomorphic Labs oder Nvidia mit seiner Biologie-Plattform BioNeMo. Den größten Effekt hat KI bislang in der frühen Wirkstoffentdeckung: Schätzungen zufolge lassen sich Zeit und Kosten bis zur präklinischen Phase um ein Viertel bis die Hälfte senken. Am hohen klinischen Fehlschlagrisiko hat sich dagegen bislang wenig geändert – nach wie vor scheitern rund neun von zehn Kandidaten, die in klinische Studien gehen. Ein weiterer Pluspunkt für Investoren: Wegen der hohen regulatorischen Hürden erscheint das Risiko, dass KI etablierte Geschäftsmodelle verdrängt, geringer als in vielen anderen Branchen.
Zweitens profitiert der Biotech-Sektor regelmäßig von hohen Übernahmeprämien. Nach einigen schwachen Jahren aufgrund hoher Zinsen und regulatorischer Unsicherheit hat die Dealaktivität zuletzt wieder deutlich zugenommen: Allein im ersten Halbjahr 2026 erreichte das branchenweite Transaktionsvolumen rund 130 Mrd. USD und damit fast das Niveau des gesamten Vorjahres (rund 133 Mrd. USD). 2026 ist damit auf Kurs für das stärkste Jahr seit der Zeit vor der Pandemie. Ein Grund sind die günstigen Bewertungen nach der mehrjährigen Sektorschwäche sowie eine berechenbarere, weniger restriktive Fusionskontrolle in den USA; hinzu kommen hohe Liquiditätsreserven der Großpharma-Konzerne. Wichtiger ist jedoch die bevorstehende Patentklippe: Analysten schätzen den durch auslaufende Patente gefährdeten Umsatz der großen Pharmakonzerne auf rund 180 Mrd. USD bis 2030, längerfristige Schätzungen liegen noch deutlich darüber. Diese Lücke wollen die Konzerne vor allem durch Übernahmen kleinerer Biotech-Firmen mit differenzierten, margenstarken Produkten schließen. Neben den volumenstarken Feldern Onkologie und Immunologie gelten dabei zwei Arten von Zielunternehmen als strategisch besonders attraktiv: zum einen Entwickler von Präparaten für seltene Erkrankungen, sogenannten „Orphan Drugs“, die von den Medicare-Preisverhandlungen weitgehend ausgenommen sind – ein Feld, in dem kleinere Biotechs traditionell stark vertreten sind; zum anderen Biotech-Unternehmen mit neueren Modalitäten wie RNA-Therapien, deren technologisches Risiko mit wachsender klinischer Evidenz für Käufer gesunken ist.
Drittens gibt es regulatorischen Rückenwind. Nach den Stellenkürzungen bei der FDA im Jahr 2025 war die Sorge im Markt vor Know-how-Verlust und längeren Genehmigungsprozessen zunächst groß. Inzwischen setzt die Behörde mit Programmen wie den „National Priority Vouchers“ jedoch gezielt auf beschleunigte Verfahren für ausgewählte Wirkstoffe. Zudem dürfte der zunehmende geopolitische Wettbewerb mit China den Druck auf die USA erhöhen, Forschungs-, Finanzierungs- und Zulassungsprozesse effizienter zu gestalten, um die eigene technologische Führungsrolle zu sichern. Hinzu kommt der im Dezember 2025 als Teil des Verteidigungshaushaltsgesetzes NDAA verabschiedete Biosecure Act, der erste Leitplanken gegen die Abhängigkeit von chinesischen Biotech-Dienstleistern setzt. Seine praktische Wirkung ist bislang begrenzt, da die Liste der betroffenen Unternehmen noch aussteht; er hat aber Signalwirkung zugunsten westlicher Anbieter.
Diese strukturellen Treiber werden zunehmend auch vom Markt erkannt: Seit April 2025 hat sich der viel beachtete Biotech-Index XBI mehr als verdoppelt und liegt auch in diesem Jahr mit rund 13 Prozentpunkten Vorsprung deutlich vor dem S&P 500. Aufgeholt ist der Rückstand damit aber noch lange nicht: Seit Pandemiebeginn liegt Biotech weiterhin hinter dem gleichgewichteten Gesamtmarkt – und weit hinter den Halbleitern.
Zinsen, klinische Rückschläge, Zölle: die zentralen Risiken
Erster und derzeit wohl wichtigster Risikofaktor ist das Zinsumfeld, da unprofitable, kapitalintensive Biotech-Werte über den Diskontierungssatz besonders sensibel auf Zinsänderungen reagieren. Mit der ersten Zinserhöhung seit 2023 und dem Signal, weitere Schritte ins Auge zu fassen, hat die US-Notenbank den Ausblick für den Sektor zuletzt eingetrübt. Als die Fed 2022 den Leitzins binnen sechs Monaten um rund drei Prozentpunkte anhob – die schnellste Straffung seit Anfang der 1980er-Jahre –, gerieten die Biotech-Bewertungen deutlich unter Druck. Sollte die Notenbank angesichts der hartnäckigen Inflation zu einem Muster wiederholter, unerwarteter Zinsschritte übergehen, würde dies den Sektor spürbar belasten – einige wenige, breit erwartete Schritte dürften dagegen weniger schwer wiegen. Umgekehrt gilt: Zeichnet sich ein Ende der Zinserhöhungen ab, dürfte der Sektor überdurchschnittlich profitieren.
Zweiter Risikofaktor sind Rückschläge einzelner klinischer Programme oder Zulassungsentscheidungen. Viele kleinere Biotech-Unternehmen hängen zunächst am Erfolg eines einzelnen Wirkstoffs – bleibt dieser aus, fallen die Kurse entsprechend deutlich. Aus unserer Sicht sind daher Unternehmen mit mindestens einem kommerziell etablierten Produkt und breiterer Pipeline gegenüber Wetten auf einen einzelnen Wirkstoff zu bevorzugen, um von der erwarteten Sektorerholung zu profitieren. Ein Beispiel neben den Schwergewichten Amgen und Gilead ist Argenx. Mit Vyvgart, zugelassen bei Autoimmunerkrankungen des Nerven- und Muskelsystems, hat das Unternehmen einen kommerziellen Erfolg erzielt und mit den Erträgen daraus den Ausbau einer mittlerweile breiten Pipeline finanziert. In Entwicklung befinden sich etwa Empasiprubart für weitere entzündliche Nervenerkrankungen sowie Adimanebart gegen eine seltene angeborene Form der Muskelschwäche. Die Pipeline reduziert das Risiko, dass ein einzelner klinischer Rückschlag die gesamte Investmentthese infrage stellt, ohne es ganz auszuschließen.
Dritter Risikofaktor sind die im April 2026 verhängten Zölle auf patentgeschützte Pharmaimporte. Der Regelsatz liegt bei 100 %; volle Zollfreiheit erhalten vorerst nur Unternehmen, die sich zugleich zu US-Produktion verpflichten und eine „Most Favored Nation“-Preisvereinbarung mit der US-Regierung eingehen. Wer nur die Produktionszusage macht, zahlt 20 %. Für Importe aus der EU, Japan und der Schweiz gilt ein reduzierter Satz von 15 %. Dieser erzwungene Kompromiss zwischen Zollschutz und Preiszugeständnissen dürfte vor allem kleinere und mittelgroße Unternehmen mit Produktion im Ausland treffen, die oft nur wenige zugelassene Produkte im Markt haben und die Belastung nicht über ein breites Portfolio verteilen können. Ausgenommen sind allerdings unter anderem Orphan Drugs sowie Zell- und Gentherapien – Felder, in denen gerade kleinere Biotechs stark vertreten sind. Wie großzügig diese Ausnahmen in der Praxis ausgelegt werden, ist noch offen.
Fazit
Nach Jahren der Underperformance gegenüber Halbleitern und dem breiten Markt sprechen mehrere strukturelle Faktoren – der Effizienzschub durch künstliche Intelligenz, die anziehende M&A-Aktivität und regulatorischer Rückenwind – dafür, dass die Trendwende im Biotech-Sektor Bestand haben könnte. Die Erholung seit dem Frühjahr 2025 stützt dieses Bild. Zugleich bleiben Ausmaß und Tempo künftiger Zinsschritte, das Rückschlagrisiko einzelner klinischer Programme sowie die neuen Pharmazölle zentrale Unsicherheitsfaktoren. Ausgerechnet von der Zinsseite könnte jedoch auch der nächste Schub kommen: Zeichnet sich der Zinsgipfel ab, dürfte dies dem Sektor zusätzlich Auftrieb geben und das Chance-Risiko-Verhältnis weiter verbessern. Wer auf eine Sektorerholung setzen möchte, dürfte mit kommerziell etablierten Unternehmen mit breiterer Pipeline ein ausgewogeneres Risikoprofil finden als mit Wetten auf einen einzelnen Wirkstoff.
Dr. Joel Diener
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