US-Banken: Zwischen Rekordgewinnen und schlummernden Risiken im Kreditmarkt

  • Ein normalisiertes Zinsumfeld, hohe Marktvolatilität und ein widerstandsfähiger US-Konsum dürften die Ergebnisse der Großbanken auch im dritten Quartal spürbar stützen.
  • Strukturellen Rückenwind liefern zusätzlich der KI-getriebene Kapitalmarktzyklus mit Milliarden-Finanzierungsbedarf, eine wachsende IPO-Pipeline und ein aktiveres M&A-Umfeld.
  • Aktuell gibt es keine Anzeichen für systemische Risiken, doch Rekord-Ausfallraten im Private-Credit-Bereich, gekappte BDC-Rückgaben und ein sich eintrübender Arbeitsmarkt erfordern engmaschige Beobachtung.
Trotz vermeintlich schwächerem BIP-Wachstum: bereinigt um KI-Importe zieht die private US-Nachfrage in Q2 an

Das Finanzministerium kündigt an, das Rückkaufprogramm für langlaufende Staatsanleihen auszuweiten – US-Großbanken fallen aus Angst, dass die flachere Zinsstrukturkurve schlecht für das Bankgeschäft ist. Doch eine der stärksten Berichtssaisons der Geschichte hat gezeigt, dass die US-Großbanken aktuell nicht nur von den Zinsen, sondern von mehreren Seiten Rückenwind bekommen. Wir haben uns daher die Wachstumstreiber dieser beeindruckenden Entwicklung, aber auch Risikofaktoren, etwas genauer angeschaut.

Aus Makroperspektive spricht aktuell viel für US-Banken. Zuerst zu nennen ist hier trotz der gestrigen Ankündigung das Zins- und Finanzierungsumfeld, das sich zugunsten der Banken gedreht hat. Die US-Zinskurve hat sich im Vergleich zur Inversionsphase 2022–2024 spürbar normalisiert. Dazu kommt, dass mit dem Ende des Fed-Bilanzabbaus (QT) der Effekt entfällt, dass zusätzliche Staatsanleihen-Emissionen und schrumpfende Bankreserven Liquidität aus dem Bankensystem abziehen und Spareinlagen mit Geldmarktfonds/T-Bills konkurrieren lassen. Ebenfalls Rückenwind kommt von der Entwicklung der US-Wirtschaft. Das reale BIP-Wachstum lag zwar im zweiten Quartal 2026 laut BEA-Schätzung annualisiert unter dem ersten Quartal – allerdings ist das kein Zeichen nachlassender privater Nachfrage. Grund sind die hohen KI-Infrastrukturimporte, die das BIP-Wachstum um rund einen Prozentpunkt reduzieren. Darum wuchsen bereinigte Indikatoren wie „Final Sales to Private Domestic Purchasers“ im zweiten Quartal annualisiert um 3,9 % deutlich kräftiger als im ersten Quartal (1,7 %). Auf der Kreditseite bleibt das Bild konstruktiv, trotz schwächerem Arbeitsmarkt. Die Kreditkarten-Delinquenzrate, also der Anteil der Kreditkartenkonten, bei denen Kunden mit der Zahlung im Rückstand sind, aber noch nicht als verloren abgeschrieben wurden, lag im Juli nur marginal über dem Vormonat. Beim US-Konsum schließt sich die K-förmige Einkommensschere seit Mai spürbar, da Haushalte mit niedrigerem Einkommen bei Ausgaben inzwischen leicht schneller als die mittlere Einkommensgruppe wachsen.

Ein weiterer Grund für die sehr starken Quartalszahlen war die deutlich erhöhte Volatilität an Aktien-, Renten- und Rohstoffmärkten im zweiten Quartal rund um den Krieg im Iran. Im dritten Quartal dürften die höheren Transaktionserlöse dank des Momentum-Abverkaufs im Halbleitersektor für Rückenwind im Bankgeschäft sorgen. Strukturell ebenfalls positiv für den US-Bankensektor ist der von KI-Investitionen getriebene Kapitalmarktzyklus. Morgan Stanley bezifferte den globalen Data-Center-Capex für 2025–2028, den die Hyperscaler mit Fremdkapitalinstrumenten schließen müssen, auf rund 1,5 Billionen USD. Hinzu kommt die IPO-Pipeline: Für OpenAI wird ein Börsengang bis 2027 diskutiert, für Anthropic laut Berichten schon eventuell 2026. Parallel hat sich das M&A-Umfeld belebt, sichtbar an den Investmentbanking-Gebühren (+30 % bis +58 % je nach Haus).

Allerdings gibt es auch ernsthafte Risiken für US-Banken. Zuerst zu nennen wären hier natürlich die Risiken im Private-Credit-Bereich. Private Credit bezeichnet Kredite an Unternehmen, die nicht von Banken, sondern von spezialisierten Fonds und Vermögensverwaltern vergeben werden. Diese sind daher weniger streng reguliert und eher für Schuldner attraktiv, die keinen Zugang zu traditionellen Kredit- oder Anleihemärkten haben bzw. dort schlechtere Konditionen erhielten. Dieser Markt ist in den letzten Jahren stark gewachsen und mittlerweile eng mit dem Bankensystem verflochten. Die offiziell gemeldeten Ausfallzahlen für das zweite Quartal waren zwar rückläufig. Allerdings ist hier ein zweiter Blick auf die bereinigten Ausfallraten notwendig. Hier werden auch Fälle mitgezählt, in denen notleidende Kredite nicht offiziell abgeschrieben, sondern umstrukturiert werden. Dieser Wert ist im zweiten Quartal 2026 auf einen neuen Rekordwert von 6 % gestiegen, nach bereits historisch hohen 5,7 % im ersten Quartal. Allerdings muss das nicht zwangsläufig auf gestiegenen Stress im System hindeuten, denn im zweiten Quartal sind mit hartnäckig hoher Inflation und gestiegenen Zinsen auch Makrofaktoren schlechter geworden.

Klare Stressindikatoren sind hingegen die Entwicklungen im BDC-Bereich. BDCs sind spezielle Fonds, über die Privatanleger in Private Credit investieren können. Bei einem großen Fonds von Blue Owl (OCIC) stiegen die Rückgabewünsche im ersten Quartal 2026 auf 21,9 % des Fondsvolumens, sodass sie wegen der 5-%-Kappungsgrenze nur anteilig bedient werden konnten. KKR musste seinen eigenen Private-Credit-Fonds im Mai 2026 mit einem 600-Millionen-Dollar-Maßnahmenpaket stützen. Zwar hat sich die Lage bei Blue Owl inzwischen etwas entspannt – die Rückgabewünsche bei OCIC sanken im zweiten Quartal auf 18,8 % – doch sie liegen weiterhin deutlich über dem üblichen Niveau.

Weitere Warnsignale kommen aus dem Markt für Leveraged Loans. Hier sind die Ausfallraten im Juli zwar weiter niedrig, aber der Anteil der Leveraged Loans, der vom Markt bereits als notleidend eingepreist wird, liegt den sechsten Monat in Folge über 6,25 %. Das ist in Reichweite des Niveaus von Ende 2022, als eine ähnliche Marktphase – hohe Zinsen, Wachstumssorgen – Kredite verteuerte. Es lohnt sich außerdem ein Blick auf die Details: Rund 45 % dieser notleidenden Kredite stammen aus dem Softwaresektor, der nur etwa 12 % des Leveraged-Loan-Marktes ausmacht. Grund dafür ist keine reale Verschlechterung der Kreditqualität, sondern vielmehr die Sorge der Investoren vor einer Verdrängung klassischer Softwareanbieter durch KI. Der Anstieg bei der Distress-Ratio ist damit unserer Einschätzung nach aktuell eher makrogetrieben bzw. sektorspezifisch als Ausdruck eines breiten Kreditqualitätsproblems. Auch sind wir insgesamt noch weit davon entfernt, dass es zu einer systemischen Kreditkrise kommt, was historisch eher bei zweistelligen Ausfallraten der Fall wäre. Sowohl die offiziellen als auch die bereinigten Ausfallraten sind im Private-Credit-Bereich wie auch am Leveraged-Loan-Markt noch deutlich unterhalb des kritischen Bereichs.

Dritter Risikofaktor im Kreditbereich ist der Immobilienmarkt. Erste Stresssignale zeigen sich bei den Ausfällen, wenn auch mit gemischtem Bild: Die Zwangsvollstreckungsquote stieg im Juni 2026 auf den höchsten Stand seit sechs Jahren. Die allgemeine Zahlungsrückstandsquote stieg im Juni leicht auf 3,55 % (+5 Basispunkte gegenüber Mai), liegt damit aber weiterhin unter dem Vor-Pandemie-Niveau von 2019 (4,16 %). Andere Kennzahlen entspannen sich dagegen tatsächlich: Neue FHA-Ausfälle sanken im Juni um 15 % gegenüber dem Vorjahresmonat, und schwere Zahlungsrückstände fielen auf ein Sechsmonatstief. Es handelt sich damit eher um eine beginnende, noch nicht breite Verschlechterung als um eine akute Gefahr für die Bankbilanzen.

Auch den Arbeitsmarkt muss man im Blick behalten, denn auch wenn die Zahlen hier noch keine stark negativen Effekte auf die Kreditkarten-Delinquenzrate haben, so mahnt der Trend zur Vorsicht: Im Juli gingen netto 23.000 Stellen verloren, zudem gab es kräftige Abwärtsrevisionen für Mai und Juni. Es kam zu einer spürbaren Verlangsamung der Einzelhandelsumsätze: von +7,3 % im Mai über +6,7 % im Juni auf +5,0 % YoY im Juli. Und schließlich sind auch Zinserhöhungen nicht uneingeschränkt positiv für Banken: Kommt es wegen dauerhaft steigender Inflation zu einer ganzen Serie an Erhöhungen, wie 2022–2024, wäre das klar negativ, da dann Ausfallraten und Einlagenzinsen steigen sowie Anleihenbestände abgeschrieben werden müssten. Weitere Risiken wären ein Zinsschock aufgrund dauerhaft deutlich über 5 % steigender langfristiger Zinsen sowie der näher rückende CRE-Refinanzierungsberg in den kommenden 18 Monaten. Dieser betrifft gerade regionale Banken, deren CRE-Anteile teils 25–40 % ihrer Kreditbücher ausmachen. Mit der am 19. August angekündigten Ausweitung des Rückkaufprogramms für langlaufende Staatsanleihen sind die Risiken auf Zins- bzw. Finanzierungsseite zwar für den Moment gesunken, sollten jedoch eng im Monitoring bleiben.

Fazit

Unter dem Strich überwiegen aus unserer Sicht aktuell die Chancen. Die Kombination aus einem strukturell günstigeren Zinsumfeld, einer widerstandsfähigen Konsumnachfrage, hoher Marktvolatilität und einem mehrjährigen, KI-getriebenen Kapitalmarktzyklus sollte US-Banken auch über das zweite Quartal 2026 hinaus tragen. Die Risiken sind aktuell unserer Einschätzung nach vor allem sektorspezifisch bzw. dem aktuellen Inflationsumfeld geschuldet und keine systemischen Probleme. Sie müssen jedoch eng beobachtet werden.

Dr. Joel Diener

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