SARA-PORTFOLIO INSIGHTS Q1/2026: Kupfer

Das Metall, das KI und Energiewende brauchen, aber nicht haben

Die Welt wird deutlich mehr Kupfer brauchen, als das heutige Angebot liefern kann. Diese Erkenntnis ist nicht neu, schon 2021 haben Goldman Sachs und die IEA unabhängig voneinander davor gewarnt. Doch vier Jahre lang wurde sie vom Markt weitgehend ignoriert. Dann legte Kupfer 2025 um 41 % zu — das beste Jahr seit 2009. Seit Jahresbeginn liegt der Preis trotz zwischenzeitlicher Rücksetzer schon wieder rund 10 % im Plus, nur knapp unter dem Allzeithoch von Ende Januar. Was hat sich geändert?

Zwei Dinge gleichzeitig. Einerseits belebte Chinas Konjunkturpaket vom September 2024 die lokale Industrienachfrage; der weltgrößte Kupferkonsument hatte jahrelang enttäuscht und damit die globale Nachfragedynamik überlagert. Andererseits — und das dürfte aus Sentiment- und Investorensicht der noch wichtigere Treiber sein — wurde der KI-Capex-Boom konkret: Die vier großen US-Technologiekonzerne haben ihre Rechenzentrum-Budgets innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt, mit entsprechend stark steigender Stromnachfrage; Kupfer steckt in jedem Meter Kabel, jedem Transformator, jedem Serverrack.

Durch diese beiden Katalysatoren hat der Kupfermarkt begonnen, das strukturelle Defizit einzupreisen. China und KI sind dabei nicht die einzigen Treiber: Ein Elektrofahrzeug enthält mit rund 80 kg etwa dreimal so viel Kupfer wie ein Verbrenner, Solaranlagen und Windturbinen kommen hinzu. Und der Netzausbau, den Europa und die USA in den nächsten Jahrzehnten stemmen müssen, ist ebenfalls kupferintensiv — allein die Netzinfrastruktur wird laut S&P Global mehr als 7 Mio. t zusätzliche Kupfernachfrage bis 2040 erzeugen.

Das Angebot kann damit nicht Schritt halten. Von der Entdeckung einer Kupferlagerstätte bis zur Produktion dauert es heute im globalen Durchschnitt 17 Jahre — dreimal so lang wie in den 1990ern; in den USA, wo Klagrisiken Großprojekte regelmäßig um Jahre verzögern, sogar fast drei Jahrzehnte. Mehrere der wichtigsten Minen haben sich zuletzt weiter verzögert, und die globale Minenproduktion dürfte bereits Mitte des Jahrzehnts ihren Höhepunkt erreichen — auch weil die Erzgehalte seit 1990 um 40 % gesunken sind. Für dieselbe Menge Kupfer muss heute ein Vielfaches an Gestein bewegt werden. Wasserknappheit in den wichtigsten Förderländern Chile und Peru begrenzt den Ausbau zusätzlich, neue Ausrüstung hat lange Lieferzeiten und die Investitionskosten sind zuletzt deutlich gestiegen.

Kann Recycling die Lücke schließen? Auf jeden Fall nicht in dem Ausmaß, das nötig wäre. Kupfer-Recycling ist zwar energieeffizienter als die Primärgewinnung und neue Anlagen lassen sich deutlich schneller hochziehen als Minen, aber das entscheidende Nadelöhr ist die Verfügbarkeit von Schrott. Kupfer bleibt Jahrzehnte in Gebäuden, Kabeln und Fahrzeugen verbaut, bevor es zum Recycling zur Verfügung steht. Knapp die Hälfte wird eingesammelt und davon erfüllt ein Großteil nicht die Reinheitsanforderungen für EVs, Hochspannungskabel und Halbleiter. Das Bild im Kupfermarkt ist also eindeutig — Angebot und Nachfrage laufen auseinander. Goldman Sachs erwartet daher bereits ab 2029 ein dauerhaftes Angebotsdefizit; der IEA-Report aus 2025 beziffert es bis 2035 auf 30 %. Wir gehen ebenfalls von einem strukturellen Defizit aus.

Zur Angebots-Nachfrage-Dynamik kommt ein weiterer Faktor — die Geopolitik. Chile, Peru und die DR Kongo liefern zusammen fast 50 % der weltweiten Minenproduktion, politisch keine risikoarmen Länder. Auch die Verarbeitungsseite ist stark konzentriert: China dominiert mit rund 40 % der globalen Raffineriekapazitäten den entscheidenden Verarbeitungsschritt, obwohl das Land selbst nur 7 % der Weltminenproduktion beisteuert. Der Westen hat diesen Schritt jahrelang vernachlässigt. Die USA importieren heute 45 % ihres Kupferbedarfs, und seit 2014 ist die eigene Produktion um 20 % gesunken, weil hohe Umweltauflagen, Lohnkosten und Energiepreise inländische Schmelzhütten unprofitabel gemacht haben. Die wachsende Blockbildung zwischen dem Westen und China macht diese Abhängigkeit zunehmend zu einem sicherheitspolitischen Thema. Der Aufbau westlicher Alternativkapazitäten ist daher bereits im Gang — er dürfte kurzfristig preistreibend wirken, langfristig aber die Versorgungssicherheit erhöhen.

Wo liegen die Risiken für unsere Bullenthese? Hauptrisiko wäre eine globale Rezession — ausgelöst etwa durch eine Eskalation der Handelskonflikte oder eine weitere Abkühlung in China, was die Kupfernachfrage kurzfristig erheblich dämpfen würde. Kupfer ist eben auch „Dr. Copper“ — ein sensibles Konjunkturbarometer, das wie kaum ein anderes Industriemetall schnell auf veränderte Wachstumserwartungen reagiert. Mittelfristig könnte eine stärkere Verlangsamung des EV-Markts die Nachfrageprognosen unter Druck setzen. Zudem besteht die Möglichkeit, dass China als dominanter Raffineriestandort preisverzerrend agiert. Höhere Preise könnten darüber hinaus Substitutionseffekte auslösen: Aluminium ersetzt Kupfer in einigen Kabelanwendungen bereits heute. Alle diese Szenarien würden das strukturelle Defizit aus unserer Sicht jedoch nicht beseitigen, sondern seinen Eintritt lediglich zeitlich verschieben.

Wir sehen Kupfer als eine der überzeugendsten strukturellen Investment-Thesen im Rohstoffbereich. Das Metall ist unverzichtbar für die Energiewende und sein Angebot ist auf absehbare Zeit durch Geologie, Regulatorik und – zunehmend – Geopolitik begrenzt. Wir sind daher bereits seit längerem investiert: direkt über Minenaktien sowie indirekt über den Kabelhersteller Prysmian. Kurzfristige Preisrücksetzer — wie im März, ausgelöst durch Wachstumssorgen wegen des Iran-Konflikts — sehen wir in diesem Kontext nicht als Bedrohung, sondern als Kaufgelegenheit und haben im Rücksetzer unsere Positionierung ausgebaut. Aktuell nähert sich der Kupferpreis nach diesem Rücksetzer wieder seinem Allzeithoch. Dass der Markt den Iran-Schock innerhalb weniger Wochen fast vollständig verdaut hat, bestätigt unsere Einschätzung: Der strukturelle Unterbau ist intakt. Das Allzeithoch aus dem Januar muss daher aus unserer Sicht noch nicht das Ende der Bewegung sein.

Rückfragen

Dr. Joel Diener

Investment Manager Global Equities

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